Nachruf anlässlich des 10. Todestages
Erschienen im Heimatspiegel, Kulturbeilage der „Nachrichten Korneuburg - Stockerau“ Jan/Feb 1971, 8. Jhg. Heft 1/2.
Vor 10 Jahren starb Hans Widermann
Heimatdichter aus Bisamberg
„Die Heimat immer mehr zu ehren,
warst unentwegt Du hier bereit,
und zogst für Alle gute Lehren
aus Fehlern der Vergangenheit“.
( Prof. Dr. Karl Pleyer)
Am 20. November 1960 hatte in der Bisamberger Turnhalle anläßlich eines sehr gut besuchten Heimatabends Schuldirektor i. R. Hans Widermann einige seiner Mundartgedichte gesprochen und sich nachher hinter den Bühnenvorhang gegeben, wo er plötzlich zusammenbrach und kurze Zeit darauf verschied. Die Veranstaltung wurde abgebrochen und tief erschüttert sprach das zahlreiche Publikum mit dem anwesenden Ortspfarrer ein Vaterunser für den Heimgegangenen. Der damalige tragische Sonntag war eine ergreifende Bestätigung der Dichterworte: „Mitten im Leben sind wir vom Tode umgeben“.
Geboren am 8. Juni 1892 in Bisamberg als Sproß eines alten bodenständigen Bauerngeschlechts, das unserer Gemeinde schon im 18. Jahrhundert einige Ortsrichter gab, verbrachte er seine Kindheit im Elternhaus Hauptstraße 12. Widermann kannte als Kind noch den tüchtigen alten Schulmeister Franz Zeiller, zu dem sein Vater in die Schule gegangen war.
Nach dem Besuch der Bisamberger Volksschule und der Bürgerschule von Korneuburg absolvierte er mit ausgezeichnetem Erfolg die Lehrerbildungsanstalt der Christlichen Schulbrüder in Wien-Strebersdorf. 1911 fand er seine erste Anstellung in Hausleiten, lernte dort seine zukünftigte Frau kennen, mußte dann einrücken und verlor im ersten Weltkriege durch eine schwere Verwundung das rechte Auge.
Trotz dieser Behinderung wirkte er in den Jahren 1917 und 1918 als Lehrer in den Militärrealschulen Wien-Boerhavegasse und Bruck an der Leitha. Als Oberleutnant der Reserve und mit der Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet kehrte er nach Kriegsende zu seinem geliebten Lehrberuf zurück. 25 Jahre war er bei uns als Lehrer tätig, davon viele Jahre auch als Kirchenchorleiter. Aus dem Bisamberger Bauernkind war immer mehr ein hoch angesehener Schulmann geworden, der die ihm anvertraute Jugend zu anständigen Menschen heranhildete. Im zweiten Weltkrieg machte er als Hauptmann wieder Militärdienst, nachher war er sieben Jahre Volksschuldirektor in Lang-Enzersdorf; als solcher schied er 1956 aus dem Schuldienst und trat in den Ruhestand über, den er leider nicht lange genießen sollte.
Seine Liebe zur väterlichen Scholle und den dort seßhaften Menschen brachte er in vielen Gedichten zum Ausdruck. Ergreifend schildert er seine Mutter:
„… siach no's Gugerl um ihr G'sicht,
wia's d' Hoar si hintri richt.
Siach no ihre fleißig'n Händ.
de is Feiern wor'n net g'wöhnt.“
Eine Sammlung seiner Mundartgedichte nannte er „Bei uns dahoam“. Proben köstlichen und nie verletzenden Humors sowie gründlicher Menschenkenntnis stehen im Werk „Dichtungen in niederösterreichischer Mundart“ herausgegeben vom Schriftstellerverband (Krystallverlag Wien 1931), in der Anthologie „Geliebtes Land“ und im Buch „Am Quell der Muttersprache“ (beide 1955). Auch in dem 1947 vom früheren Ortspfarrer Geistl.Rat Botkowski herausgegebenen Heftchen „Layendlzupfer“ sind wertvolle Beiträge Widermanns festgehalten; ich nenne da nur u. a. die ansprechende „Teufelssage vom Bisamberg“, „Die Nationen“, „Das Achtungsvierzigerjahr“, seine Verse über „D' Freiheit“, „'s Hochamt“ und den „Bettler“, Vieles blieb leider unveröffentlicht, ist aber noch erhalten. Sein Schaffen als Bisamberger Heimat- und Mundartdichter des n.ö. Weinviertels war allgemein anerkannt. Viel Heiteres wußte er z. B. über Schulkinder zu erzählen, wie es die folgenden Verse zeigen:
„In da Schul am erstn Tog
is no net groß de Plog.
D' Lehrerin dazöhlt a G'schicht
und in Kinern z'rinnt is G'sicht.
Wia de Schul is nocha aus
und sie führt de Kloan vor“s Haus,
bleibt a Bua stehn bei da Tür.
Er sogt voller Liab zua ihr:
„Du, Dei G'schicht wor gor net z'wider,
Mir hot's g'folln, i kimm morg'n wieder!“
Widermanns letzte Lebensjahre waren von schwerer Krankheit überschattet. Dies hinderte ihn aber nicht, allen Vorgängen in seiner Heimat reges Interesse entgegenzubringen. Mit vielen seiner ehemaligen Schüler stand er auf dem „Du“-Fuße und für jeden seiner Mitbürger hatte er ein Scherzwort bereit. Über meine Bitte um Mitwirkung beim so tragisch verlaufenen Heimatabend des Jahres 1960 schrieb er mir: „Gerne bin ich bereit, Sie in Ihrem Bemühen zu unterstützen, so weit es meine angeschlagene Gesundheit zuläßt. Ich will es versuchen“. Und er ist auch zu seinem Wort gestanden! In Arbeitsgesprächen gab er uns wertvolle Anregungen und es war irgendwie symbolhaft, daß er noch an seinem Todestage das ihm ans Herz gewachsene Schulhaus besuchte, in dem er ein Vierteljahrhundert wirkte, um dort eine Ausstellung „Bisamberg in Bild und Schrift“ zu besichtigen. Vielleicht ist damals sein ganzes inhaltsreiches Leben noch einmal vor seinem Geiste gestanden - einige Stunden später schied er aus unserer Mitte. Schmerzlich kommt es zum Bewußtsein, daß er in „Gottes Stimme“ einem seiner letzten Gedichte, schon den herannahenden Tod gespürt haben mag:
„Ein geheimnisvolles Raunen
ziehet über Feld und Flur
Still stehe ich voll Erstaunen,
und ganz leise atme ich nur,
um den Frieden nicht zu stören;
denn ich fühle immer mehr,
dieses Raunen, das ich höre,
deine Stimme ist's, o Herr!“
Sein Dichterherz schlug stets für unsere Bisamberglandschaft, für die stillen Gassen seines Geburtsortes, für die geliebte heimatliche Erde. Wir wollen es ihm für alle Zukunft dankten!
H. A. Polak-Mürzsprung
O, daß ich das getan!
Einst mußt ein Vöglein sterben
durch meine böse Lust,
mir lag das kleine Leben
verlöschend an der Brust.
Im Frühling war's, von Blüten
bedecket Flur und Hain,
es sang sein süßes Liedchen
das kleine Vögelein.
Dann mußt es plötzlich sterben.
o, daß ich das getan!
O, daß dem kleinen Sänger
ich so das Leben nahm!
Die kleinen dunklen Augen
sah'n mich so traurig an,
„Was hab' ich Dir, o Knabe,
was hab' ich Dir getan?“
„Ich sang in Deinem Garten
ein Lied in sel'ger Lust,
da traf mich Deine Kugel
so mitten in die Brust!“
Die kleinen Augen brachen,
die Lider drückt ich zu,
und legte unter Blüten
das Vögelein zur Ruh'.
Noch immer hör' ich klingen
des Vögleins letztes Lied;
mir zieht sein süßes Singen
anklagend durch's Gemüt.
E. Tobisch